Zwischen Gipfelglück und Verant-wortung
Eine persönliche Berggeschichte über Sehnsucht, Risiko und die Zerbrechlichkeit des Lebens
Nah dran an der Zerbrechlichkeit des Lebens.
Die Tage im Hochgebirge rund um Zermatt waren intensiv. Körperlich fordernd, emotional bewegend – und in vielerlei Hinsicht klärend. Die Dufourspitze, der höchste Punkt der Schweiz, stand auf unserem Plan. Doch was ich dort oben gefunden habe, war mehr als nur ein Gipfel.
Es war eine Auseinandersetzung mit dem Leben selbst. Mit dem Risiko. Mit der Verantwortung. Mit dem Mut, Dinge zu wagen – und der Demut, Dinge nicht kontrollieren zu können. Und vor allem: mit dem Bewusstsein, wie schnell sich alles verändern kann.
Ich habe erfahren, worauf es wirklich ankommt:
Mut. Präsenz. Vertrauen. Verantwortung. Demut.
Und die Erkenntnis, dass es nicht die Gipfel sind, die unseren Erfolg bestimmen – sondern das Zurückkommen. Gesund. Lebendig.
Schon beim Aufstieg zur Monte Rosa Hütte deutete ein aufwendiger Helikoptereinsatz an, dass etwas Schlimmes geschehen war. Dann kam die traurige Gewissheit: Ein tödlicher Absturz an der Dufourspitze – an dem Gipfel, den wir für den nächsten Tag geplant hatten. Diese Nachricht hat uns getroffen. Und sie hat in mir etwas aufgewühlt, das ich zu kennen glaubte.
Denn ich dachte lange, ich wüsste, was es heisst, jemanden am Berg zu verlieren. Vor sieben Jahren habe ich meine Mama bei einem Bergunglück verloren – innerhalb eines Augenblicks. So schnell. So schwer zu begreifen. Ich habe den Verlust getragen, den Schmerz durchlebt, die Lücke gespürt, die sich bis heute nicht schliessen lässt.
Doch erst jetzt, inmitten dieser Bergtage, habe ich verstanden:
Ich weiss nicht, wie es ist, dabei zu sein, wenn so etwas geschieht.
Ich war nicht dort. Ich habe es nicht gesehen. Und im Rückblick empfinde ich dafür tiefe Dankbarkeit. Die Freundin meiner Mama war damals an ihrer Seite. Sie hat erlebt, was niemand erleben möchte.
Und ich möchte an dieser Stelle meine Anerkennung und mein Mitgefühl aussprechen – für all das, was sie damals erlebt, gefühlt und getragen hat.
Am nächsten Morgen zur Dufourspitze aufzubrechen, war für uns dennoch keine Frage. Wir waren auf uns fokussiert, auf den Moment. Wir sagten uns: „Wir probieren. Und schauen, wie weit wir kommen.“ Und wir waren oben. Zwei Frauen. Eine Seilschaft. Voller Stolz standen wir auf dem höchsten Berg der Schweiz.
Doch die wahre Erkenntnis kam erst beim Zurückkommen:
Wie wenig selbstverständlich es ist, was ich tue.
Wie nahe Erfolg und Scheitern, Leben und Tod beieinander liegen. Wie fragil dieses Leben ist, das wir oft für so stabil halten.
Die Berge bedeuten nicht einfach Freiheit. Sie halten dir einen Spiegel vor. Sie fordern. Sie formen. Sie verändern.
Und sie verlangen mehr als Kondition und Technik:
-
Verantwortung – für die eigenen und die Entscheidungen anderer.
-
Mut – loszugehen, oder auch umzukehren.
-
Präsenz – im Moment zu bleiben, wach und klar.
-
Vertrauen – in sich selbst und in das Gegenüber.
-
Demut – vor der Natur, dem Leben, dem, was grösser ist als wir selbst.
Und ja – ich wage es mittlerweile zu sagen: Bergsteigen ist durchaus egoistisch. Wir gehen Risiken ein. Wir reizen Grenzen aus. Und manchmal fehlt uns das Bewusstsein dafür, was ein einziger Fehler in letzter Konsequenz bedeuten kann. Es ist ein schmaler Grat – zwischen Sehnsucht und Verantwortung. Doch vielleicht ist es genau dieser Grat, der uns lehrt, bewusster zu gehen. Mit offenem Herzen. Und wachem Blick.
Denn genau das macht das Unterwegssein aus –
nicht nur das Erreichen eines Ziels, sondern der Weg dorthin:
Mit all seinen Herausforderungen. Mit Momenten der Stille. Mit Begegnungen – und den tiefen, inneren Bewegungen, die uns prägen.
Vielleicht ist es dieser Weg, der uns am meisten verändert.
Der uns zeigt, dass wahre Stärke nicht im Ankommen liegt –
sondern im Mut, immer wieder loszugehen. Trotz aller Unsicherheiten. Trotz der Gefahren.
Die Berge lehren uns: Das Leben ist ein Balanceakt – zwischen Risiko und Verantwortung, zwischen Sehnsucht und den stillen Momenten der Demut.
Wir sind alle unterwegs.
In unseren eigenen Geschichten. Auf unseren eigenen Wegen.
Und vielleicht sind es genau diese Wege, die uns formen.
Ich lade dich ein, dein eigenes UnterwegsSEIN zu finden.
Denn das Leben ist nicht nur das, was wir tun – sondern das, was wir daraus machen. Jeder Schritt. Jeder Atemzug. Jede Entscheidung.
Und vielleicht – mit etwas Mut – auch der Moment, innezuhalten, umzudrehen oder weiterzugehen.
Gehe deinen Weg – mit dem Wissen, dass es nicht nur darum geht, den Gipfel zu erreichen, sondern gesund und lebendig zurückzukehren.
Und wer weiss – vielleicht findest du auf diesem Weg auch etwas,
das du nicht gesucht hast: Ein neues Verständnis für dich selbst,
für das Leben – und für das, was wirklich zählt.
UnterwegsSEIN eben.
