Ein lang ersehntes Abenteuer
Die 7 Churfirsten an einem Tag
Am Abend vor der grossen Tour sass ich noch mit einer Freundin am See. Bevor wir uns trafen, kam mir der Gedanke, dass ich morgen endlich die 7 Churfirsten an einem Tag angehen könnte. Als wir uns später verabschiedeten, meldete sich plötzlich mein innerer Zweifel zu Wort: Ist das wirklich eine gute Idee? Die Entscheidung, noch so spät nach Starkenbach zu fahren und dann am nächsten Morgen mit wenig Schlaf auf dieses Projekt zu starten, fühlte sich plötzlich irrsinnig an. Doch alles andere sprichte dafür: Das Wetter passte, die Motivation war da, und die Fitness stimmte. Also sagte ich mir: „Morgen zieh ich das durch!“ – und startete den Motor meines Autos in Richtung Starkenbach.
Spät abends legte ich mich hinten in den VW-Bus. Zu faul, die Verdunklungsrollos an den Fenstern zu schliessen, bereute ich es später, als das Licht des Vollmonds immer wieder durch die Fenster drang und mich aus dem Schlaf holte. Die wenigen Stunden, in denen ich hätte schlafen können, sind enttäuschend kurz und wenig erholsam. Um 3 Uhr morgens rollten die ersten Autos auf den Parkplatz, und ich fragte mich, ob ich die Tour vielleicht doch auch besser früher gestartet hätte. Doch ich war zu müde, um gross darüber nachzudenken, und blieb bei meiner Entscheidung.
Als ich kurz nach 4 Uhr im Scheinwerferlicht meiner Stirnlampe losmarschierte, fühlte ich mich glücklich, endlich unterwegs zu sein und meine inneren Zweifel überwunden zu haben. Der Aufstieg in der Morgendämmerung zum Selun war überraschend leicht. Ich empfinde das Gehen vor Sonnenaufgang immer als besonders meditativ – der Kopf wird ruhig, der Körper findet seinen Rhythmus. Bereits nach einer Stunde und vierzig Minuten stand ich bei Tagesanbruch auf dem ersten der sieben Gipfel. Ich hielt einen Moment inne, machte das erste Gipfelfoto und freute mich über den gelungenen Start in die Tour.
Noch bevor sich die Sonne am Horizont zeigte, entschied ich mich, zum Frümsel weiterzugehen. Ich kannte den Übergang, der auch als Abkürzung genutzt werden kann. Beim letzten Mal war ich mit dem Gleitschirm am Rücken hier entlanggegangen und wusste, dass ich auch dieses Mal den kürzeren Weg nehmen könnte. Doch diesmal fand ich den Einstieg nicht. Ich suchte ihn, während die ersten Sonnenstrahlen mein Gesicht beleuchteten. Es ärgerte mich, doch so musste ich den längeren Abstieg in Kauf nehmen, um mich sicher zu fühlen. Das bedeutete, Höhenmeter zu verlieren, nur um sie kurz darauf wieder zurückzuerobern. Ich stellte fest, dass ich mich vorher doch nochmals etwas besser hätte informieren können.








Dieser Abschnitt hatte mich mehr Zeit und Energie gekostet, als ursprünglich geplant. Dennoch war ich bisher sehr zufrieden mit mir und genoss den Moment, als ich den zweiten Gipfel, den Frümsel, erreichte. Die Stimmung dort oben war wunderschön, so dass ich vor dem nächsten Abstieg eine kurze Pause machte. Aufgrund des besonderen Aufbaus und Geländes der 7 Churfirsten ist die Überschreitung von Gipfel zu Gipfel ein ständiges Auf und Ab.
Der Übergang zum Brisi führte mich durch wunderschönes, wildes Gelände. Während des erneuten Aufstiegs begegneten mir Schafe, die mich neugierig ansahen, als wollten sie mich fragen, was ich hier mache. Ab und zu stellte ich mir diese Frage selbst. Schliesslich war ich bereits im dritten Aufstieg und wusste, dass noch genauso viele vor mir lagen.
Oben am Brisi traf ich auf eine Frau, die gerade ihren frisch aufgebrühten Kaffee genoss. Sie sprach mich an und fragte, ob ich die 7 Churfirsten an einem Tag mache. Wir kamen ins Gespräch, und ich teilte mit ihr meine grösste Sorge: ob ich genug Wasser dabei hatte und ob unterwegs eine Wasserquelle zu finden sei. Zu meiner Überraschung bot sie mir ihr überschüssiges Wasser an. Was für ein Geschenk! Als ich nach einer kurzen Pause wieder abstieg, war mein Wasserbeutel aufgefüllt, und ich konnte die Tour mit genügend Wasser fortsetzen. Ein bisschen neidisch war ich ihr schon, denn während ich weitergehen musste, konnte sie in aller Ruhe auf dem Gipfel sitzen und ihren Kaffee geniessen. Gegen Ende der Tour würde ich nochmals an die Frau denken, dachte ich, wenn ich die letzten Schluck der insgesamt fast 4 Liter Wasser zu mir nehme.
Die Querungen zwischen den Gipfelaufstiegen fühlten sich oft wie Täler an – eine Art Ruhephase, bevor der nächste Aufstieg kam und ich erneut meine Kraftressourcen aktivieren musste, die langsam zu meinen Kraftreserven wurden. Umso mehr erfreute ich mich am vierten Gipfel, dem Zuestoll. Der Aufstieg war technisch anspruchsvoller als die Wandergipfel davor und gab mir spielerisch einen zusätzlichen Auftrieb. Auch der Abstieg war abwechslungsreicher, da ich einen anderen Weg nehmen konnte als beim Aufstieg.
Am Zuestoll legte ich meine Mittagspause ein und konnte endlich den frisch zubereiteten Obstsalat vom Vorabend genießen. Er war mein kulinarisches Highlight des Tages. Der Blick in Richtung Hinterrugg steigerte meine Motivation, da er immer näher rückte. Der Blick zurück gab mir Selbstvertrauen, weil er mir zeigte, was ich bereits geschafft habe.
Unterwegs habe ich immer wieder Leute überholt, die dasselbe Ziel wie ich verfolgten. Doch mit zweien von ihnen kam ich immer wieder in Kontakt. Sie erzählten mir, dass sie die Challenge des Toggenburg Tourismus machen und am Ende den Bierkrug abholen wollen. Das erinnerte mich daran, wie unterschiedlich Motivationen hinter solch einem Abenteuer sein können.







Die letzten zwei Gipfel der Tour warteten auf mich. Während ich den Auf- und Abstieg zum Schibenstoll fast im Autopilot Modus bewältigte, war der Übergang zum Hinterrugg erneut in wunderschöner, wilder Umgebung. Am Schibenstoll traf ich auf einen Mann, der von meinem Projekt ganz begeistert war. Wie ich im Abstieg erfuhr, hatte er sich das Vorhaben auch schon öfter überlegt, doch bisher fehlte ihm die letzte Überzeugung. Kurzerhand entschloss er sich, mich auf meinem letzten Abschnitt zu begleiten. Ganz angetan von meiner Leistung verabschiedete er sich von mir am Hinterrugg für den Abstieg. Und ich war überzeugt, dass er dieses aufgeschobene Abenteuer jetzt umsetzen wird.
Die Gespräche mit ihm lenkten mich von meiner muskulären Erschöpfung ab, die ich mittlerweile nach gut 4000 Höhenmetern und 10 Stunden Gehzeit verspürte. Die letzten Schritte zum Chäserugg, dem siebten und letzten Gipfel, fühlten sich hart erkämpft, aber auch glückselig an. Der Klang der Alphornbläser, die für eine Hochzeit spielten, war der feierliche Höhepunkt einer Tour, die mich körperlich bis an meine Grenzen geführt hatte. Noch nie war ich so froh um eine Seilbahn, die mich an diesem Tag sicher ins Tal zurück brachte. Den Bierkrug, von dem das Paar am Zuestoll sprach, holten sie sich übrigens im Restaurant Chäserugg erfolgreich ab. Und er kann tatsächlich ein grossartiges Erinnerungsstück sein, wozu wir fähig sind.







