Ein Erfahrungsbericht

Mental Health Festival Südtirol -

Auch mentale Gesundheit braucht Hingabe und Zeit

Am Wochenende vom 7. und 8. September 2024 fand am Ritten, im Südtirol, das Mental Health Festival statt. Zugegeben, ich bin etwas stolz, dass Menschen in meiner Heimat die Bedeutung der mentalen Gesundheit erkannt haben und gleich ein ganzes Festival diesem wichtigen Thema widmen. Für mich war das Festival eine besondere Erfahrung – nicht nur wegen der Inhalte, sondern auch, weil ich alleine hingegangen bin und dadurch viel über mich selbst gelernt habe.

MICH SELBST ÜBERWINDEN

Eigentlich hatte ich nicht geplant, allein teilzunehmen. Es hat sich einfach so ergeben, weil an diesem Wochenende niemand Zeit oder Interesse hatte, mich zu begleiten. Der Gedanke, mich unter viele fremde Menschen zu mischen, bereitete mir zunächst ein mulmiges Gefühl. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt, und das steigerte meine Anspannung. Dennoch entschied ich mich, die Gelegenheit zu nutzen – schliesslich setze ich mich sowohl beruflich als auch privat mit Themen der mentalen Gesundheit auseinander. Ich wollte erleben, wie das Festival umgesetzt wird und welche Workshops und Vorträge besonders im Fokus stehen.

Allein der Entschluss, mich dieser Situation zu stellen, fühlte sich für mich wie ein erster, grosser Schritt aus meiner Komfortzone an. Als ich auf dem Festival ankam, wurde mir schnell klar, dass die Vielfalt der Angebote enorm war. Es gab zahlreiche Workshops zu Achtsamkeit, Meditation, Yoga, interaktive Vorträge, Tanz und Musik, die auf dem Gelände in freier Natur in unterschiedlichen Settings – auf der Seebühne, in Tipis und in einer Schupfe – stattfanden. Die Umgebung war eine Augenweide, und auch eine Bühne für Konzerte stand bereit. Besonders beeindruckend war der Zugang zum Festivalgelände: Für zwei Tage voller Workshops und Konzerte zahlte wir Besucher lediglich 10 Euro.

SELBSTZWEIFEL UND ERKENNTNISSE

Als ich am Samstag um 14 Uhr die ersten Workshops betrat, war das Gelände noch etwas leer. In mir stiegen erste Zweifel auf: „Was mach ICH HIER?“ und der Gedanke: „ICH passe HIER NICHT her.“ Ich hatte geahnt, dass diese innere Stimme auftauchen würde, sobald ich die anderen Teilnehmer sah. Mittlerweile kenne ich diese Muster, die mein Verstand viel zu schnell entwickelt, und wusste, dass ich dieses Denken durchbrechen musste. Da ich mich wohler bei interaktiven Vorträgen fühlte, nahm ich daran teil.

Das war ein interessanter Moment der Selbstreflexion: Ich war stolz darauf, überhaupt alleine dort zu sein, und doch merkte ich, dass ich mich instinktiv in meinem Wohlfühlbereich bewegte. Trommel- oder Tanzworkshops und Meditationen wären in dem Moment noch zu weit ausserhalb meiner Komfortzone gelegen. Sie erforderten eine andere Hingabe, die ich zu dem Zeitpunkt nicht bereit war aufzubringen. Doch das Bewusstsein darüber half mir, die Situation so zu akzeptieren und auf meine Bedürfnisse zu hören. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass wir manchmal schrittweise an unsere Grenzen herangehen müssen – und dass das vollkommen in Ordnung ist.

WORKSHOPS ALS SPIEGEL DER EIGENEN ENTWICKLUNG

Der erste Workshop, den ich besuchte, trug den Titel: „Mentale Stärke: Ruhig bleiben, wenn es darauf ankommt.“ Der Workshop war so gestaltet, dass wir Teilnehmer*innen spielerisch den Umgang mit Scheitern und Herausforderungen lernten. Er vermittelte wertvolle Techniken, wie wir unter Druck gelassen bleiben können und wie sich unsere mentalen Fähigkeiten trainieren lassen. Besonders beeindruckend war die letzte Übung, bei der über 30 Menschen, die sich vorher nicht kannten, in völliger Stille gemeinsam einen Fröbelturm bauten. Dieser Moment zeigte eindrucksvoll, wie stark eine Gemeinschaft sein kann, wenn sie für das Gleiche zusammenarbeitet.

Im Verlauf des Tages stellte ich fest, dass eine der Herausforderungen darin bestand, sich für seine Workshops zu entscheiden – das Angebot war einfach so vielseitig. Am Samstag nahm ich noch an einem Dialog zur Positiven Psychologie teil, in dem es darum ging, „Was lässt uns erblühen?“, und besuchte einen Vortrag mit dem Titel: „Mehr Zeit für all das, was dir wichtig ist.“ Als ich davon zurückkam, schnupperte ich in die Gruppe „Dance for Health“ hinein, betrachtete die Gegenstände, die von einer Gruppe aus Ton geformt wurden, und hörte den Gesängen der Mantra-Sänger Gruppe zu. Es war faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich die Bedürfnisse der Teilnehmer waren und wie jeder seinen eigenen Weg auf dem Festival fand. Das Schöne an diesem Festival war, dass Jede*r alles kann und Keine*r irgendwas muss. 

ALLEINSEIN ALS GELEGENHEIT ZUR REFLEXION

Mittlerweile hatte ich mich damit angefreundet, alleine auf dem Festival zu sein, und fand meine eigene Art, das Wochenende zu geniessen. Dennoch gab es einige befremdliche Momente, wie etwa das abendliche Konzert, das ich allein besuchte. Auch wenn ich immer wieder mit anderen Menschen kurz in Kontakt gekommen bin, war es doch schwierig richtig Anchluss zu finden. Womöglich waren die meisten zu zweit oder in einer kleinen Gruppe da und machten ihr eigenes Ding. Andererseits weiss ich, dass auch ich mich in solchen Kontexten eher schüchtern zeige und sich die richtige Gelegenheit bieten muss.

Ich verbrachte die Nacht in meinem VW-Bus, während andere in Hängematten auf dem Gelände schliefen oder die Nacht am Lagerfeuer verbrachten, wo noch weitere Workshops bis in die Morgenstunden stattfanden. Früh am Morgen begannen manche Teilnehmer ihren Tag mit dem Yoga Workshop oder einem erfrischenden Bad im See. Die Möglichkeiten auf dem Festival schienen schier endlos.

ZWISCHENMENSCHLICHE VERBINDUNGEN: DIE WAHRE RESSOURCE

Am Sonntag ging es für mich mit dem Workshop „Die Kunst der Selbstgestaltung“ weiter, der Tag nahm mit dem Workshop „Sein inneres Team aktivieren“ seinen Lauf und endete mit einem Impulsvortrag vom Notfallpsychologen Anton Huber im Regen unter einem großen Tipi. Sein Thema: „Ich bin selbst die Ressource in der Krise“. Eine Frage, die mich besonders berührte, war sein Aufruf zu Beginn seines Beitrags: „Wer hat auf diesem Festival bisher drei neue Leute kennengelernt?“ Niemand streckte die Hand. Auch ich nicht. Zwar war ich in den Workshops mit Menschen in Kontakt gekommen, aber mit Namen richtig kennengelernt habe ich nur zwei. Anton Huber meinte dann: „Beim nächsten Mal ersetze ich diesen Workshop mit einem Kennenlern- Workshop zu Beginn des Festivals.» Ich fand den Ansatz fantastisch, denn sein durchgeführter Workshop zeigte auf eindrückliche Weise, wie wertvoll zwischenmenschliche Verbindungen sind und welch wunderbare Energie entstehen kann, wenn wir mit anderen Menschen in Kontakt kommen. Die größte Ressource, um durch Krisen zu kommen, sind eben wir Menschen selbst.

FAZIT: MENTALE ENTWICKLUNG ALS LEBENSLANGER PROZESS

Dieses Festival war nicht nur eine wunderbare Gelegenheit, neue Workshops und Vorträge zu besuchen, sondern vor allem eine Reise zu mir selbst. Ich bin stolz darauf, diese Erfahrung gemacht zu haben, denn sie hat mir neue Perspektiven auf meine persönliche und berufliche Entwicklung eröffnet.

Es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich an einem solchen Festival teilnehme. Beim nächsten Mal kann ich mir vorstellen, noch andere Workshops auszuprobieren und dort weiterzumachen, wo ich dieses Mal aufgehört habe – ein ganzes Stück weiter, als ich dieses Jahr angefangen habe. Das ist mentale Entwicklung: Sie geschieht schrittweise und verändert unsere Wohlfühlzone. Am Ende ist die grösste Stärke, die wir haben, die Fähigkeit, uns immer wieder neu zu entdecken und unsere eigenen Ressourcen zu aktivieren.