Einmal zu Fuss durch Korsika
"Warum GR20?" "Ganz einfach, uns reizte dieses Abenteuer!"
Aus meiner Sicht hat das Unterwegssein im Draussen über mehrere Tage, fernab von äusseren Einflüssen der Zivilisation, seinen eigenen Reiz. Mit der Durchquerung Korsikas erfüllten wir uns ein langersehntes Projekt.
Unser Abenteuer begann in Vizzavona – einer Etappenstation in der Mitte des Fernwanderweges. Unser Plan war es, zunächst die 11 Etappen bis nach Calenzana/Calvi im Norden zu erwandern, mit dem Zug zurück nach Vizzavona zu fahren und von dort aus nach einer eintägigen Pause den Teil in den Süden zurück zu legen.
Das autarke Unterwegssein über so viele Tage stellte uns schon vor dem Start organisatorisch vor verschiedene Herausforderungen. In Vizzavona angekommen hatten wir vor allem noch eine vernünftige Gewichtsverteilung im Rucksack zu bedenken. Neben den wenigen Wechselkleidern, Zelt, Schlafmatte und Schlafsack teilten wir uns die Lebensmittel für 10 Tage auf die drei Rucksäcke auf. Wir zählten die Snacks für die kommenden Tage ab und planten unsere Abendessen voraus. Als wir in Vizzavona die verschiedenen Lebensmittel sortierten, machten uns entgegenkommende Wanderer freundlich auf das Gewicht unseres Rucksacks aufmerksam. Ein englischsprachiger Wanderer überzeugte mit der Aussage „every single gram counts, think about!“ Offensichtlich hatte er seine Erfahrung schon gemacht, denn die meisten waren inzwischen mehrere Tage unterwegs.
Als wir endlich die schweren Rucksäcke geschultert hatten, wanderten wir euphorisch eine Extraschleife durch die Ortschaft. Wir taten uns schwer den Einstieg zu finden und liefen blind an der Beschilderung vorbei. Wahrscheinlich waren wir noch zu sehr in unseren Gedanken vertieft, wie wir jemals mit diesem schweren Gewicht am Rücken 1200 Höhenmeter den Berg hochkommen. Die erste Etappe forderte uns bereits ordentlich heraus. Statt einer gemütlichen Einstiegstour erwartete uns ein steiler Aufstieg im felsdurchsetzten Gelände und entlang eines Bergbachs. Immer wieder wurden wir mit wunderschönen Aussichten belohnt. Doch während sich absteigende Wanderer genüsslich in den natürlichen Badewannen des Bergwassers abkühlten, schwitzten wir bei 30 Grad den Berg hoch. Die 18 kg+ auf dem Rücken machten sich zuverlässig bemerkbar. Zum ersten Refuge waren es gut sechs Stunden. Mit zwei Verpflegungsstopps aus dem Rucksack konnten wir etwas Gewicht zurücklassen. Kurz vor dem ersten Etappenziel entschieden wir, flussabwärts weiterzuwandern, um uns in Wassernähe einen Platz zum Biwakieren zu suchen. Aufgrund der vielen Geschichten um die Bettwanzen in den Hütten, hatten wir geplant wild unterwegs zu sein.
Unsere erste Biwak-Nacht verbrachten wir mit leckerer Polenta, getrockneten Tomaten und Pesto, wodurch wir nochmals etwas Gewicht abbauten. Mit einem Benzinkocher und einem 3-Liter-Outdoor-Kochtopf lassen sich die feinsten Kreationen zaubern. Zum Frühstück gönnten wir uns Sesamzwieback und Haferbrei mit Datteln und Nüssen. Über den Tag verteilt verhalfen uns Riegel, Nudel- und Frittatensuppen das Hungerloch zu stopfen und am Abend – einer der schönsten Momente des Tages – kochten wir, nachdem wir den Schlafplatz bezogen hatten, den Rucksack bis auf Calenzana leer. Polenta mit Pesto, Reis mit Pilzen, Kartoffelstock und Trek`n eat Produkte standen auf unserem Menüplan. Durchziehende Wanderer hätten während solcher Kocheinheiten das Geräusch des Benzinkochers gut mit einem startenden Helikopter verwechseln können. Er lief auf Hochtouren. Trotz vorhandenem Essen hatten wir permanent die Befürchtung, zu wenig zu bekommen. Durch die tägliche, mehrstündige körperliche Anstrengung verdrückten wir auch entsprechend große Portionen. Wir nutzten Almen und Hütten dazu, Käse und Brot zu kaufen. Gegen Mitte der Woche füllten wir unseren Essensbestand auch mit Kekspackungen auf und die Dosengetränke wurden eine willkommene Abwechslung zum gefilterten Wasser.
Die Aufgaben am Abend hatten wir nach wenigen Tagen eingespielt verteilt und beim gemütlichen Beisammensein nach Dienstende drängte sich der Wunsch nach einer Massage oder Pediküre auf. Die Tage endeten mit Einbruch der Dunkelheit und begannen zum Sonnenaufgang.
Und täglich grüßte uns das Murmeltier. Der Start am Morgen mit den schweren Rucksäcken war stets die größte Herausforderung des Tages. Doch einer von uns Dreien fand immer einen motivierenden Spruch. Das „Hurra aufs Hipp Hipp“ wurde jedoch nicht immer mit gleich starker Begeisterung erwidert.
Tage lang waren wir inmitten schönster Berglandschaften und Abgeschiedenheit unterwegs. Unsere treuesten Begleiter waren die schweren Rucksäcke, durch die wir uns manchmal wie Mulis fühlten. Und tatsächlich konnten wir über strengere Passagen des Weges sogar ein dazu passendes, wieherndes Geräusch wahrnehmen.
Nach 9 Tagen erreichten wir unseren Zielort im Norden – Calenzana. Neben dem Wunsch nach einer erholsamen Dusche, hatten wir auch den innerlichen Drang nach frischen Lebensmitteln. An die Bäckerei im Dorf mit den frisch duftenden und schmackhaften Backwaren werden wir uns noch viele Jahre später erinnern.
In Calvi gab es dann den ersehnten Sprung ins Meer – das Meer, welches wir Tage vorher schon von der Ferne erblicken konnten, wurde das gefeierte Ziel unseres Vorhabens. Egal wie schwer der Rucksack bis hierher war und wie viele Kilometer und Höhenmeter wir den Berg hochgewandert sind, um auf der anderen Seite des Berges wieder abzusteigen – in Calvi überwiegte die Freude des Ankommens am Meer. Wir kauften Gemüse, Obst und eine Flasche Wein. Nach neun Tagen Outdoor Küche war die Sehnsucht nach frischen Lebens- und Genussmittel gross.
Die Strecke zurück nach Vizzavona legten wir mit dem Zug um einiges leichter und schneller zurück. Nach der ersehnten Dusche und einem gemeinsamen Abendessen, planten wir die Etappen in den Süden Korsikas. Zu diesem Zeitpunkt entschied mein Partner hier auszusteigen, weil er für sich genug Wildnis und Abgeschiedenheit erlebt hat und lieber noch ein paar Tage irgendwo am Meer nähe Conca entspannen wollte. Wir zwei Frauen beschlossen noch weiter zu wandern. Jedoch wollten wir auf dem Weg in den Süden auch die Hütten als Unterkunft nutzen. Die Sorge vor Bettwanzen war mittlerweile dem Bedürfnis nach Komfort gewichen.
Die Etappen in den Süden waren etwas kürzer und der Weg von Beginn an landschaftlich sanfter. Er führte uns durch dichte Wälder und über grüne Almen. Die Etappen waren technisch viel einfacher. Doch die Länge und das stetige Auf und Ab haben uns zusammen mit dem Gewicht am Rücken weiterhin gefordert. Dennoch kamen wir zügig voran, sodass wir trotz der Wettervorhersage, mit Gewitter am Nachmittag entschieden, eine weitere Etappe anzuhängen.
Während wir anfangs nur von leichtem Nieselregen begleitet wurden, kämpften wir uns später durch strömenden Regen. Der Glaube, die Schlechtwetterfront könnte an uns vorbeiziehen, stellte sich als Irrtum heraus. Erst drei Stunden später erreichten wir das Refugo Col di Verde. Bis dorthin durchquerten wir unter anderem ein, im letzten November komplett abgebranntes Waldstück. Die Stimmung durch jenes Gebiet war düster und eindrücklich. Bei der Ankunft an der Hütte waren wir dermassen durchnässt, dass das Wasser nur noch durch uns durchlief. Der Hüttenwirt begrüsste uns freundlich und einladend und wir waren uns sicher, in der ganzen Misere am richtigen Refugo gelandet zu sein. Unsere durchnässten Bergschuhe konnten wir unter den Ofen stellen. Zudem kümmerte er sich um einen Schlafplatz für uns, nachdem wir aufgrund der Umstände entschieden hatten keinen Biwak Platz mehr einzurichten. Zugleich reservierten wir uns das Abendessen in der Hütte. Nach so vielen Tagen als Selbstversoger im Draussen ein echter Luxus. Auch wenn sich der Luxus erstmal auf ein Bett zu zweit im Notlager beschränkt hat. Denn während wir den Abend gesellig bei einem Glas Wein und leckerem Essen in der Hütte ausklangen, erreichten drei Franzosen durchnässt zur späten Stunde die Hütte. Dank ihrer Ankunft konnten wir uns dann noch mit ihnen eine kleine Hütte für sechs Personen für die Nacht teilen.
Der nächste Morgen brachte eine ernüchternde Erkenntnis: Unsere Bergschuhe waren immer noch durchnässt vom Regen. In diesem Moment erwog ich ernsthaft, die Unternehmung zu beenden. Es war schwer vorstellbar, unter diesen Bedingungen weiterzulaufen. Meine Gedanken schweiften zu meinem Partner, der vermutlich irgendwo gemütlich auf dem Campingplatz das Inselleben genoss. Ein Ort, an dem ich mich in diesem Moment auch gerne befunden hätte. Nach reiflicher Überlegung beschlossen wir uns, nach insgesamt 13 Etappen, den instabilen Wettervorhersagen für die nächsten Tage und unseren durchnässten Schuhen geschlagen zu geben und uns von meinem Partner abholen zu lassen.
Während ich die Entscheidung vernünftig fand, empfand ich die frühzeitige Rückkehr als ein Scheitern, mit dem ich zu kämpfen hatte. Mit etwas Abstand und Zeit begriff ich, was wir geleistet, erlebt und erreicht haben und ich fühlte mich voller Dankbarkeit und Stolz. Die, durch den frühzeitigen Abbruch, zusätzliche Zeit auf der Insel stellte sich als ein Geschenk dar. Wir entdeckten noch andere schöne Flecken Korsikas, tauchten in die korsische Lebens- und Essenskultur ein und unternahmen andere wunderbare Wanderungen. Nach mehreren Tagen ausserhalb des gewohnten Komforts, waren die restlichen Tage Luxus pur. Mein Verständnis für die Dinge, die wir täglich ganz selbstverständlich konsumieren, haben sich durch das Abenteuer nochmals verändert. Ich schätze sie wieder umso mehr, wenn ich sie habe. Auch habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich mich mit sehr wenig frei und glücklich fühlen kann. Wir haben uns 13 Tage auf ein Konsumminimum beschränkt, das in einem Rucksack Platz gefunden hat. Auch unsere Aufgaben waren tagelang auf Wandern und „Überleben“ beschränkt und ich habe mich damit vollständig und maximal glücklich gefühlt. Eine wundervolle Erkenntnis, die ich aus der Zeit in Korsika für mein Leben in unserer Konsum- und Leistungsgesellschaft mitnehmen möchte.
