gleitschirmseminar in den dolomiten
Fliegen mit den grossen
Als wir uns für das Flugseminar in den Dolomiten anmeldeten, wusste ich, dass wird gross(artig) werden. Einerseits sind die Dolomiten landschaftlich das Beeindruckendste, was meine Heimat zu bieten hat. Andererseits versprachen die Tage gross(artig) zu werden, weil wir von erfahrenen Piloten lernen konnten, auf Strecke zu gehen.
Ich reiste mit dem Ziel an, in den kommenden vier Ausbildungstagen endlich den Lang- und Plattkofel zu überhöhen. Die Wettervorhersagen waren vielversprechend. Am ersten Seminartag trafen wir uns morgens an der Talstation der Col Rodella Seilbahn. Ich war etwas nervös, auf welche Ausbilder ich treffen würde. In der Gleitschirmausbildung habe ich die Erfahrung gemacht, dass für mich die richtige Chemie zum Ausbilder wichtig ist, um Vertrauen und Sicherheit aufzubauen. In diesem Seminar wollte ich mich von diesem Gedanken lösen, und meine Selbsteinschätzung und mein Selbstvertrauen stärken und erweitern. Schliesslich fliege ich am Ende alleine mit meinem Schirm und treffe eigenständige Entscheidungen.
Dennoch war ich froh, dass die Jungs von den Zugvögeln, Stefan, Dirk und Toni, mit ihrer lockeren, ruhigen und professionellen Art ein positives Umfeld schufen. Sie nahmen sich Zeit, um auf individuelle Fragen einzugehen und uns mit ihrer Erfahrung zu unterstützen. Nach einer gründlichen Einweisung und einem gemütlichen Cappuccino auf der Sonnenterrasse starteten wir in die herbstliche Luft der Dolomiten. Und es ging thermisch direkt zur Sache. Zuerst überhöhten einige der Gruppe, angeführt von Stefan, den Col Rodella und wechselten an die Südwand des Langkofels. Am Funk lauschte ich mit, während ich noch mit der etwas dynamischen Thermik und den vielen bunten Gleitschirmen am Col Rodella beschäftigt war. Doch dann kam auch mein Moment und ich konnte zum Langkofel queren. Hoch konzentriert versuchte ich, mit dem Aufwind an der Langkofelwand wieder an Höhe zu gewinnen, damit ich mich anschliessend mit Dirk und weiteren Piloten Richtung Rosengarten aufmachen konnte. Stefan war bereits mit einigen voraus dorthin unterwegs.
In manchen Momenten realisierte ich in der Luft, wo ich mich gerade befand. Doch der erste Flugtag war mehr geprägt von Konzentration und dem Überblicken der Dimension des Fluggeländes und der intensiven Pilotenaktivität in der Luft. Mit dem Weiterflug Richtung Rosengarten wurde der Luftraum freier und ich konnte mich mehr auf mich und die Schönheit des Fluges konzentrieren. Auch habe ich das erste Mal erfahren, wie unterschiedlich die Leistungsfähigkeit der Schirme bei einer Talüberquerung ausfallen kann. So war ich mit meinem Low-B-Schirm sehr tief, als ich am Rosengartenmassiv ankam. Die Kurbelei begann von vorne. Auch wenn ich ab diesem Zeitpunkt mit den anderen nicht mehr mithalten konnte, erreichte ich nochmals ausreichend Höhe, um diesen eindrucksvollen Steingarten von oben zu bestaunen.
Zu diesem Zeitpunkt realisierte ich, was ich an diesem Tag schon erlebt hatte, und fragte mich, wo mein Partner wohl gerade unterwegs war. Am schönsten ist es, gemeinsam in der Luft zu sein und die erlebten Momente zu teilen. Dank Funk wusste ich etwas später, dass er bereits gut gelandet war. Ich versuchte noch einen weiteren Talsprung, doch da ich wesentlich tiefer startete als der Rest unserer Gruppe, war eine Landung außerhalb des geplanten Landeplatzes absehbar. Auch wenn ich gerne noch mehr erreicht hätte, war der Lerneffekt an diesem Tag riesig und ich wusste, ich hatte meine Möglichkeiten ausgeschöpft. Die Herausforderungen und die vielen neuen Eindrücke hatten meine Fähigkeiten und mein Selbstvertrauen erheblich gestärkt. Ziemlich ausgehungert und müde ging’s zum Aperitif.
Die folgenden Tage verliefen ähnlich intensiv und lehrreich. Doch jeder Tag war anders. Die Windbedingungen liessen unterschiedliche Möglichkeiten zum Starten und für Strecken zu. So flog ich innerhalb der vier Tage ins Rosengartenmassiv, startete unter dem Langkofel, flog über Lang- und Plattkofel, startete oberhalb des Sellapasses und flog über und entlang der eindrucksvollen Kletterwände des Sellastocks und unterhalb der Marmolada vorbei. Mit jedem Flug wuchs mein Vertrauen in meine Fähigkeiten und in meinen Schirm. Ich traf eigenständige Entscheidungen in der Luft und meisterte weit hinten in einem Tal eine besondere Aussenlandung. Ich hatte zu viel Höhe für die Marmolada verloren. Der Preis war, eineinhalb Stunden aus dem Val de Contrin zu wandern. Die Dolomiten boten eine atemberaubende Kulisse, die jede Anstrengung und jede Herausforderung lohnenswert machte. Und weil ich schon zu Fuss unterwegs war, entschied ich spontan, noch einen Abendflug vom Col Pelous mitzunehmen. „War ja gleich ums Eck“, dachte ich zumindest noch zu Beginn. Völlig ausgehungert, müde und überglücklich kam ich just in time zu Pizza und Bier zurück zur Gruppe.
Ich liebe diese Tage, an denen ich voll in meinem Tun aufgehe und mich in einem Bewusstseinszustand befinde, in dem ich Raum und Zeit vergesse. An denen der Weg zum Ziel wird und ich diesen motiviert, konzentriert und mit großer Freude – in diesem Fall – erfliege. Denn dann sind es die zahlreichen Eindrücke und Lernmomente, die ich zu meinen Erlebnissen mache.
Für den Flug über die Marmolada, wovon mir mein Freund ausführlich erzählt hat, komme ich selbstverständlich wieder.
