Grenzen Verschieben
Der Weg zur Streckenfliegerin
„Dieser Weg ist ein weiter. Doch als ich vor vier Jahren zum ersten Mal vom Streckenfliegen träumte, hätte ich nie gedacht, dass ich eines Tages an der Wolkenbasis mutig durch die Täler der Alpen fliegen würde. Damals war ich sehr unsicher, ob ich diesen Herausforderungen gewachsen bin. Heute weiss ich, dass ich mich mit konstantem Training, persönlicher mentaler und emotionaler Auseinandersetzung und meiner Freude am Fliegen an meine eigenen Grenzen heran und darüber hinaus führen kann.“
Der Mentor und Trainer: Andy Frötscher
Vor vier Jahren absolvierte ich meine ersten Höhenflüge für den Gleitschirmschein. Ich traf auf Andy Frötscher und die TeilnehmerInnen seines Streckenflugseminars. Damals wusste ich weder, wer er war, noch was das Red Bull X-Alps bedeutete. Doch unser Gespräch liess mich schnell erkennen, dass ich von ihm viel über die Fliegerei lernen könnte. Also begann ich davon zu träumen, irgendwann an einem seiner Streckenflugseminare teilzunehmen – ein Traum, der diesen Sommer endlich Wirklichkeit wurde.
Andy, ebenfalls aus Südtirol, war einer der ersten Teilnehmer des legendären Hike-and-Fly-Rennens quer durch die Alpen und nahm bis 2013 an sechs Ausgaben der Red Bull X-Alps teil. Heute teilt er seine Erfahrungen in Vorträgen und Trainings, inspiriert und vermittelt seine Leidenschaft für das XC-Fliegen an andere Piloten.
Das Seminar
Zu Beginn des Seminars vermittelte uns Andy neben theoretischem Wissen über Thermik- und Streckenfliegen auch verschiedene Streckenoptionen für die kommenden Tage. Mein Partner und ich schauten uns skeptisch an: „Sind wir dem wirklich gewachsen?“ Schnell wurde uns klar, dass neben unserer Lernbereitschaft auch die mentale Komponente in diesem Seminar eine zentrale Rolle spielen wird. Auf beide Aspekte ging auch Andy in den folgenden Tagen wiederholt ein.
Andy sieht das Seminar als Training auf dem Weg zur Streckenflieger*in und stellte uns die Frage: „Wie kannst du selbst zum Erreichen deiner Ziele beitragen und dich schon vorab richtig auf einen Streckenflug vorbereiten?“ Ich fühlte mich ertappt, denn ich gehörte zu denen, die eher naiv ins Seminar kamen. Bisher flog ich mit einem simplen LeBipBip-Variometer, das nur Signaltöne von sich gibt. Jetzt erkannte ich, dass richtiges Streckenfliegen eine ganz andere Liga ist und ich noch viel zu lernen hatte – wusste aber auch, dass ich am richtigen Ort war, um genau das zu tun und von Andy`s Erfahrungen zu profitieren.
Erste Flüge und neue Herausforderungen
In der ersten Wochenhälfte hatten wir relativ gute Flugbedingungen. Unser erster Flug mit Andy führte uns entlang der Lüsener Alm, direkt vom Standort der Papillon Flugschule in Lüsen, worüber seine Seminare auch angeboten werden. Während des Flugs gab mir Andy kontinuierlich Feedback, das mir half, Thermik und Wolken besser zu verstehen. Bisher hatte ich die Nähe zu Wolken eher gemieden, aber unter Andy`s Anleitung lernte ich, sie gezielt zu nutzen und mich mit der Wolkenbasis anzufreunden.
Am nächsten Morgen starteten wir nach dem Briefing zu unserer ersten grösseren geplanten Route. Während wir mit dem Auto und der Bahn bis zum Gitschberg fuhren, flog Andy von der Lüsener Alm an unseren Startplatz. Dasselbe machte er auch die nächsten Tage. Wir fuhren zum Standort unseres Startplatzes, Andy flog bereits dorthin.
Am Gitschberg war die Thermik zunächst schwer zu finden, dann bockig und anspruchsvoll. Mein Leitsatz „Konsequent fliegen“ half mir, die Herausforderungen zu meistern. Nachdem alle Teilnehmer – neben uns waren noch vier männliche Teilnehmer im Seminar – die Wolkenbasis erreicht hatten, gab Andy die Anweisung zur Talquerung Richtung Eidechsspitze. Noch immer ungewohnt von der nebeligen Stimmung an der Wolkenbasis, war ich froh, diese zu verlassen. In der Vergangenheit war ich bei Talquerungen oft gescheitert und musste landen gehen. Diesmal vertraute ich auf Andys Erfahrung, dass ich im nächsten Tal wieder Anschluss finden werde – und tatsächlich, mit etwas Geduld kreiste ich bald über der Eidechsspitze.
Auch hier wies mich Andy ruhig und konsequent bis an die Wolkenbasis heran. Ich war herausgefordert durch die neuen Umstände und die unbekannte Umgebung, aber ich erinnerte mich an Andys Worte, den Flug trotz der Anstrengung zu geniessen. Als ich mich kurz umsah, war ich überwältigt von der Kulisse des Alpenhauptkamms und begeistert von meinen Flugfähigkeiten. Doch schon bald kam die Anweisung zur nächsten Talquerung, bei der ich das praktische Verständnis für den Aufbau einer Wolke vorgeführt bekam. Im Lee der Wolke erlebte ich ein so starkes Sinken, dass ich ins Tal hinausfliegen wollte. Doch Andy motivierte mich, meine Fluglinie beizubehalten. Ich lernte, den Beschleuniger effizienter zu nutzen und die Arme richtig zu positionieren, um möglichst dynamisch zu fliegen. Und siehe da: Im Luv der Wolke konnte ich wieder in die Thermik einkreisen und auf über 3000 Meter aufdrehen.
Mein Ziel, bis nach Sand in Taufers in die Eisdiele zu fliegen, rückte näher. Doch der Weg dorthin war noch von einigen Herausforderungen geprägt. Nach einem blöden Flugfehler verlor ich viel Höhe und fand mich in einem Taleinschnitt wieder. Dank Andy`s Anweisungen konnte ich mich aber wieder von dort rausarbeiten und für die nächste Talquerung genügend Höhe machen. Andy scheint die Thermik regelrecht zu „flüstern“, so punktgenau waren seine Anweisungen.
Während Andy mit wenigen anderen Teilnehmern noch weiter Richtung Antholzertal zog, flog ich nach einer weiteren Talquerung nach Sand in Taufers ab. Ich erreichte wenig später die Bergflanken bei Ahornach und genoss die letzte halbe Stunde in ruhiger Luft soarend, bevor ich zum Landeanflug ansetzte. Erleichtert und glücklich, sicher am Boden zu sein, war ich stolz auf die Erfahrungen dieses Tages. Diese Route übertraf alles, was ich bisher geflogen war, und die Leichtigkeit, mit der Andy und auch andere Teilnehmer unterwegs waren, beeindruckte mich zutiefst.
Reflexion und Erkenntnisse
Am Morgen starteten wir mit einer Reflexioneinheit. Wir besprachen den Flug des Vortages und Andy betonte, wie entscheidend das Erreichen der Wolkenbasis für das Streckenfliegen ist. Andy machte uns auch klar, wie wichtig es ist, positiv zu denken und den richtigen Fokus zu setzen. „Unser Gehirn kann keine Negationen verarbeiten“, sagte er. „Wenn du daran denkst, nicht in den Baum zu fliegen, denkst du automatisch an den Baum!“ Seine Ausführungen waren für mich wichtige Reminder, meine Gedanken für die kommenden Flüge bewusster zu steuern.
Ein weiteres lehrreiches Erlebnis hatte ich, als ich zu schnell zu viel wollte und bereits unterhalb des Astjochs landen musste. Ich ärgerte mich über meinen Übereifer, doch Andys Funkspruch „Kurz ärgern, fluchen und dann dankbar für die gesunde Landung sein“ half mir, den Rückschlag zu verarbeiten und meinen Fokus neu auszurichten. Der Nachmittag war auch ideal um Pfifferlinge zu sammeln.
Ein neuer Tag, Eine neue Chance
Am nächsten Tag stand der Kronplatz auf dem Plan. Mein Leitsatz hatte sich inzwischen in „Konsequent und geduldig“ geändert, und „bereit um mit den Wolken zu spielen“. Für diesen Tag waren Gewitter angekündigt, was mich innerlich nervös machte. Doch ich beruhigte mich noch vor dem Start mit einem Selbstgespräch. Bald nach dem Start befand ich mich an der Wolkenbasis auf 3000m. Als in Richtung Lienz die ersten Regenschauer niedergingen, entschieden wir uns, unter Andys Leitung zurück zur Lüsener Alm zu fliegen. Es fiel mir schwer, die Höhe zu halten und die Thermik richtig einzuschätzen, doch auch diese Talquerung meisterte ich. Als sich die Bedingungen änderten und der Hang zunehmend abschattete, versuchte Andy, gemeinsam mit mir eine alternative Lösung zu finden. Doch die Gegebenheiten zwangen uns letztlich zu einer Landung.
Die gewonnenen Lektionen anwenden
Jeder Tag dieses Seminars brachte neue Herausforderungen mit sich, die mich sowohl als Pilotin als auch als Mensch wachsen liessen. Die ruhige und beständige Art von Andy gab mir das Vertrauen, neue Techniken zu erproben und meine Fähigkeiten kontinuierlich zu verbessern. Auch wenn Streckenfliegen viel mit technischem Können und der richtigen Strategie zu tun hat, sind die mentale Vorbereitung und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten genauso wichtig. Ich erkenne, dass Geduld und das schrittweise Erreichen von Zielen wesentlich sind, um langfristig erfolgreich zu sein. Diese Lektion lehrt mich, dass grosse Erfolge Zeit brauchen und durch kleine, konsequente Schritte erreicht werden. Und als nächstes könnt ich mir ja mal „a gscheids“ Vario kaufen.
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Mehr über Andy Frötscher und seine Seminare erfährst du auf seinem Instagram-Kanal @andyfroetscher, unter www.momentinair.eu und bei den XC-Flugseminaren der Flugschule Papillon.
