Dem
Himmel
so nah
Durchquerung der Tour du ciel
Auf den Tourenskiern entlang einer der eindrucksvollsten Gebirgsregionen der Alpen.
Wir sitzen bei einem Panaché an der Cabane du Mountet auf der Sonnenterrasse, umgeben von einer Kulisse aus formschönen Viertausendern, wie dem Ober Gabelhorn und dem Dent Blanche, um nur zwei der vier Giganten zu nennen. Vor unseren Augen tut sich eine Welt aus Schnee und Eis, Spalten und Séracs auf, die sich zu fantastischen Formen modelliert haben. Wir blicken zurück auf die wenigen einsamen Skispuren in dieser wilden Welt. Ja, die sind von uns und offen gesagt ist das schon ein ziemlich mächtiges Gefühl. Wir waren heute fast alleine auf dem Weg zu unserem zweiten Etappenziel.
Gestern Mittag machten wir uns gemeinsam mit Nils, unserem Bergführer, auf dem Weg von Zermatt zur Schönbüelhütte. Dabei begleitete uns dichter Nebel und leichter Schneefall. Auch die Sicht auf das Matterhorn fiel vorerst dem schlechten Wetter zum Opfer und wir verzogen uns viel lieber in das Innere der Hütte. Es war kaum zu glauben, aber auf der Hütte waren wir für diese Nacht die einzigen Gäste. „Ab morgen sind wir wieder voll belegt“, liess der Hüttenwirt verlauten. Somit genossen wir den Abend und vor allem die ruhige Nacht in der leeren Hütte und waren für den nächsten Tourentag überraschend gut ausgeschlafen. Die Tage beginnen auf der Tour noch im Morgengrauen, jedoch lohnt sich das Aufstehen allemal. Als ich mich am Morgen noch im Halbschlaf auf dem Weg zum Toilettenhäuschen machte, traute ich beim Öffnen der Hüttentür kaum meinen Augen. Die gigantische Nordwand des Matterhorns thronte direkt vor mir, während mir links über Zermatt die Sonne Guten Morgen wünschte. In meiner Begeisterung war ich schlagartig hellwach und rief sofort Sharon zu mir. Dank dem etwas abgelegenen Klohäuschen war uns auch schon zum Witzeln zu mute. Denn der Hüttenwirt meinte nach dem leichten Schneefall über Nacht ganz aufmerksam: „Ich habe extra für euch die Felsstufen vom Schnee befreit.“ Da waren wir grad froh, dass wir mit unseren Hüttenschlappen nicht mitten in der Nacht raus mussten.
Hinsichtlich dieser einladenden Morgenstimmung konnten wir den Aufbruch kaum erwarten. Der über Nacht gefallene Neuschnee, versprach beste Bedingungen und so machten wir uns auf eindrücklichem Weg über den Hohwänggletscher zum Col Durand. Von dort wartete im Angesicht einer mächtigen 360° Bergkulisse eine Traumabfahrt über den Durandgletscher auf uns. Nachdem wir die Querspalte unterhalb des Passes überwunden hatten, begleiteten Jauchzer unsere Schwünge durch watteweichen Pulverschnee. Das Panaché auf der Mountet Hütte haben wir uns dann mit einem weiteren Gegenanstieg in der warmen Frühlingssonne des Südhangs wahrhaftig verdient.
Die Sonne ist an der Mountet Hütte noch nicht verschwunden, als wir zu Abend essen. Zum ersten Mal witzeln wir nicht mehr nur darüber, ob wir während der Tour auch zu genügend Essen kommen, sondern haben für einen Moment die Befürchtung zu kurz zu kommen. Als dann aber der zweite Nachschlag an unseren Tisch gebracht wird, können wir unsere Bäuche voll schlagen. Wir erzählen Nils von dem einen Riegel pro Tag als unseren Proviant (mehr Packvolumen gibt ein 30 Liter Rucksack für so eine Unternehmung nicht her) und prompt plant er in die morgige Tour einen Rösti Stopp in der Cabane Arpitettaz ein. Vielleicht hat er eine genauere Vorstellung davon, wie lang und wie streng der morgige Tag bis zur Cabane de Tracuit wird. Möglicherweise reicht ein Tagesriegel nicht ganz aus für knapp 2000 Höhenmeter und 20 Kilometer? Auch in dieser Nacht schlafen wir erstaunlich gut und starten früh morgens bei heiterem Himmel und besten Bedingungen Richtung Blanc du Moming. Der Aufstieg bis zum Grat ist kalt, denn während die Gipfelspitzen der umliegenden 4000er bereits in einem zarten Rosa erleuchten, wartet die Sonne erst beim Einstieg der Gratkletterei auf uns. Bis dorthin sind es aber noch gute zwei Stunden Aufstieg. Umso wohltuender ist dieser Moment, sobald die ersten Sonnenstrahlen unser Gesicht berühren und unseren Körper wärmen. Ich bin mir kurz nicht mehr sicher, worüber ich mich mehr freue, die wärmende Sonne, die wunderschöne Gratkletterei oder den Anblick dieser atemberaubenden Gebirgswelt. Für dieses eine Mal müssen wir uns zum Glück nicht für etwas entscheiden und geniessen alles davon. Auf dem Gipfel verzehren wir unseren Tagesriegel, denn nach einer rassigen 1000 Höhenmeter Abfahrt über den Glacier de Moming mit seiner beeindruckenden Gletscherszenerie und einem weiteren Gegenanstieg von 200 Höhenmeter erwarten uns Rösti zum Z`Mittag. Die Rösti mit Käse schmecken super lecker und mit dem grandiosen Blick zurück auf die Wegstrecke, von der wir gekommen sind, liegt dieser Augenblick definitiv unter einem magischen Zauber. Magische Momente begleiten uns auf dieser fünf Tage Tour immer wieder, wobei der erneut bevorstehende Aufstieg, für eine weitere Abfahrt und einem letzten knackigen Gegenanstieg bis zur Tracuit Hütte eher zur harten Arbeit zählt. Ihr habt schon richtig gerechnet, unsere Ski fellen wir auf dieser dritten Etappe insgesamt 3x an. Die fast 2000 Höhenmeter Abfahrten im Pulver- und Firntraum und das wechselnde Bergkino machen die ganzen Mühen der Aufstiege wieder weg.
Auf 3256m wartet mit der neuen Tracuit Hütte ein wahrer Luxusliner unter den Schutzhütten auf uns. Während die Mountet Hütte ein richtiger Hingucker einer schönen rustikalen Berghütte war, ist die Tracuit Hütte eine willkommene Abwechslung. Durch den modernen Bau ist es in der Hütte angenehm warm und wir machen uns diese Nacht ausnahmsweise keine Sorgen ohne zwei weiteren Überdecken zu frieren. Zudem verblüfft uns die überwältigende Aussicht aus dem Speisesaal und als wir dann noch eine 6er Portion Spaghetti zum Abendessen gereicht bekommen, feiern wir zu Viert unser eigenes Fest.
Am nächsten Morgen schlafen wir verhältnismässig lange aus (Frühstück 6.30 Uhr) und machen uns dann auf dem Weg zum Bishorn. Dieser 4000er wurde vor mehr als hundert Jahren von einer Frau erstbestiegen. Grandios, dass wir zwei Frauen auch bald gemeinsam auf diesem Gipfel stehen werden. Erneut hat es über Nacht wenige Zentimeter geschneit, jedoch weht an diesem Morgen ein starker Wind bei – 20 Grad. Das sorgt dafür, dass wir die fast 1000 Höhenmeter zum Gipfel im dicken Zwiebellook zurücklegen. Der Aufstieg wird durch ein kurzes Stück Blankeis noch kräftezerrender. Gesprochen wird nur noch das Nötigste miteinander, zu tief haben wir uns in unsere Kapuzen und Wärmeschals verkrochen. Fotos wird es von dieser Wegstrecke später auch weniger geben, zu kalt fühlt es sich an nach dem Handy zu greifen. Sharon holt nun auch noch ihre Wunderwaffen raus und packt sich kleine Wärmekissen in ihre Handschuhe. «Wau, wo hoschen de iats hear?» frag ich verwundert bei ihr nach und bin dankbar, als sie mir eines abgibt, sodass ich meine Finger wieder spüren kann. Sharon stopft derweil ihre Wärmekissen hinten in die Po Taschen der Skihose. Ja, wir hatten auch gefrorene Ärsche.
Kurz vor dem letzten Gipfelaufstieg herrscht dann Windstille. Wieder einer dieser magischen Momente, mit dem keiner auch nur annähernd gerechnet hat. Wir machen eine kurze Pause, schnallen unsere Skier ab und stapfen gemeinsam die letzten Schritte Richtung Gipfel. Der Nahblick zum Weisshorn ist gewaltig, Daneben ist die restliche 270° Rundumsicht phänomenal. Wir liegen uns in den Armen und vergessen bei diesem Ausblick für einen Moment die kalten Strapazen.
Kurz darauf geht es mit einer langen Abfahrt, hinunter zum Truttmanngletscher, weiter. Während die Gipfelkuppe des Bishorns vom Wind ziemlich abgeblasen und ruppig zu befahren ist, fühlt sich der Schnee weiter unten himmlisch an. «Yes! Geil!» ertönen die Stimmen zu den letzten Schwüngen. Nach der Abfahrt wartet wie gewohnt ein Gegenanstieg auf uns, für den wir erneut mit einer fantastischen Firnabfahrt belohnt werden. Doch dann sollen wir schon wieder ein drittes Mal Auffellen. «Irgendwenn isch nor a a mol genua!» beschreibt es die etwas gereizte Reaktion von Sharon auf den Punkt. Wäre da nicht die Truttmannhütte, die 200 Höhenmeter oberhalb von uns auf einem Felsvorsprung thront. «Nor verdianen mir ins is Panaché holt noamol» ermutige ich Sharon für den letzten Aufstieg. «Ober Harscheisen montier i holt kuane mehr», hiess die Ansage von Sharon an Nils.
Es sind intensive und bleibende Emotionen, die wir auf dieser Mehrtagestour erleben. Wir spüren in uns eine tiefe Zufriedenheit und es erfüllt uns mit Stolz, wenn wir abends gemütlich in der Hütte sitzen und vom Fenster aus, nochmals auf die hingelegte Wegstrecke des Tages zurückblicken. Gleichzeitig sind wir müde, sehnen uns so langsam wieder nach fliessend Wasser, mit dem wir uns mal Hände und Gesicht waschen können und nach etwas mehr Komfort als mit Skiunterwäsche die Nächte im Hüttenschlafsack zu verbringen. Hier findet die Frage schon seine Berechtigung, was jemanden dazu bewegt mit schwerem Rucksack für mehrere Tage auf einer Alpendurchquerung unterwegs.
Doch für solche Fragen ist später noch Zeit, denn wir sind noch nicht am Ende unseres Abenteuers. Nachdem sich in der Truttmannhütte herausstellt, dass die Bahn nach St. Niklaus diese Tage revisioniert wird und wir auf unserer letzten Etappe 800 Höhenmeter zu Fuss ins Tal absteigen müssten, braucht es einen Plan B. Gut haben wir Nils dabei, der mit mehreren Plänen überzeugen kann. Wir entscheiden uns für die Variante mit einer letzten Gipfelbesteigung und brechen am nächsten Morgen auf unsere letzte Etappe auf. Wiederum hat es über Nacht ein bisschen geschneit und wir geniessen diesen Glücksmoment bei einer ersten kurzen Abfahrt in den Talboden. Heute begleitet mich aber auch etwas Wehmut auf dem Weg. Bald verabschieden wir uns aus dieser einmaligen Berggegend. Aber es ist nicht nur die Umgebung, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt, sondern auch die Menschen, mit denen ich diese Erlebnisse teilen konnte. Sharon und ich kennen uns noch nicht sehr lange, haben uns vorher zwei bis drei Mal zu einer Skitour verabredet. In den letzten fünf Tagen ist sie mir richtig ans Herz gewachsen. Sie ist eine richtige «Berggams» und eine „Powderqueen“. Im Aufstieg bimmelt sie manchmal wie eine Weidenkuh (kleiner Insider). Nils, unser Bergführer, der ebenfalls das erste Mal auf der Tour du Ciel unterwegs war, weiss zu begeistern und erfreute sich genauso intensiv an den Momenten, wie wir es taten. Ihn würde ich für ein anderes Abenteuer sofort wieder buchen.
Noch ist es aber zum Glück nicht ganz vorbei. Denn zuvor befahren wir noch gemeinsam einen fast unverspurten Gipfelhang. Und unsere Jauchzer sind bestimmt noch weit über den Talkessel hinaus zu hören. Auf der Tour du Ciel gab es keinen Tag an dem wir nicht mindestens ein zweites Mal aufgefellt haben und dabei bleibt es auch bei unserer Abschlusstour. Ein kleiner Aufstieg wartet nochmals auf uns, damit wir anschliessend ins Skigebiet St. Luc abfahren können. Im «Take Away» an der Hütte der Talstation bleibt kein Wunsch der Woche offen. Bei Pommes finden wir die Zeit über die noch offene Antwort nachzudenken: «Das Gefühl, diese spektakuläre Landschaft zu erleben und seine eigenen Grenzen zu überschreiten ist sehr erfüllend. Ausserhalb unserer Komfortzone machen wir neue Erfahrungen und entwickeln uns weiter. Die persönlichen Lernfelder, die sich uns in der Natur eröffnen, erweitern unseren eigenen Horizont auf besondere Art. Nur Menschen, die diese Verbindung zulassen, wissen wovon ich schreibe. Daneben erschaffen wir Momente und stärken unsere Fähigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen, die uns ein Leben lang in Erinnerung bleiben und über die wir auch noch im hohen Alter erzählen werden. Mit einem breiten Grinsen reisen wir zurück, von dort wo wir kamen und zu dem was uns vertraut ist. Doch wir kommen verändert zurück. Und genau dafür haben sich die Strapazen und der schwere Rucksack gelohnt.
