Auge in Auge
mit dem Steinadler der Haute savoie
Das Gefühl eins zu sein Mit dem König der Lüfte.
Manche Erlebnisse brauchen Zeit, um erzählt zu werden. Als wir letztes Wochenende am Lac d’Annecy waren, wurde ich wieder daran erinnert – und inspiriert, diese Geschichte endlich aufzuschreiben.
Bevor ich ins Schwärmen gerate und einen ganzen Reiseführer über die Haute-Savoie verfasse, erzähle ich lieber direkt, was mich in dieser Region tief berührt hat.
Letzten Sommer – wir waren auf dem Heimweg vom Valle Maira. Nach der Tour zum Gran Paradiso hatten wir noch ein paar freie Tage übrig. Die Wetterprognosen für die Haute-Savoie sahen gut aus – also machten wir einen spontanen Abstecher nach Le Grand-Bornand.
Schon bei der Ankunft spürten wir: Hier stimmt einfach alles. Die charmanten Dörfer. Die liebevoll gepflegten Holzhäuser. Das leckere Essen. Diese alpine Leichtigkeit. Ich hätte einfach nur dort sitzen und geniessen können.
Doch das Flugwetter versprach zu viel, um stillzubleiben. Mein Ziel war klar: Ich wollte entlang der Aravis-Kette fliegen. Doch dafür musste ich erst einmal in die Thermik kommen. Was zäh begann, wurde mit der Zeit zum Geschenk.
Stundenlang war ich in der Luft. Immer wieder ran an die Felswände, aufdrehen, weiterziehen, absaufen – und wieder von unten kämpfen. Ein Ritt durch Höhen und Tiefen. Im wahrsten Sinne.
Irgendwann überhöhte ich einen Gipfel. Und dann noch einen. Und plötzlich öffnete sich vor mir ein Panorama: die ganze Palette der Haute-Savoie. Der Blick auf den Mont Blanc. Die spitzen Grate der Aiguilles, nebeneinander aufgereiht als ein Monument der Natur. Und ich – mittendrin. Vom Wind getragen. Es war atemberaubend. Fordernd. Überwältigend.
Doch als wäre das nicht schon genug, erschien plötzlich einer der Steinadler. Groß. Kraftvoll. Selbstverständlich. Er kreiste mit mir in derselben Thermik. Wir drehten gemeinsam. Minutenlang. Auge in Auge. Sein Blick war ruhig, bestimmt – als wollte er mir zeigen, wo es weitergeht. Als würde er sagen: So funktioniert Natur. So fühlt sich Vertrauen an.
Ich war voller Ehrfurcht. Und gleichzeitig vollkommen ruhig. Vielleicht war es einer der stillsten, lebendigsten Momente meines Lebens. So bewegend, dass ich für einen Moment dachte: Das war’s jetzt. Denn geht es überhaupt noch tiefer? Ich meine nicht höher oder weiter. Sondern näher – an das, was uns wirklich verbindet. Mit der Natur. Mit dem Leben. Mit uns selbst.
Lass dich wieder mal überraschen.
Vom Moment. Vom Leben. Von dir selbst.
