Wenn das Wetter den Takt angibt
Auf Skiern durch die Bündner Berge
Wetterbedingte Planänderung und spontane Anpassung
Nachdem sich die Wetterprognose für unsere geplante Skidurchquerung der Urner Haute Route von ihrer schlechtesten Seite zeigte, entschieden wir uns für eine alternative Tourenrunde in den Bündner Bergen. Dort liess sich die Sonne noch öfter blicken und zwei der vier Tage waren sogar recht schön. Glücklicherweise waren wir ausserhalb der Hauptsaison und unter der Woche unterwegs, sodass die Keschhütte und die Grialetschhütte spontan noch freie Plätze für uns zwei Frauen hatten.
Obwohl die Enttäuschung über die Änderung der ursprünglichen Pläne vorhanden war, reagierten wir flexibel auf die Wetterumstände. Flexibilität und Anpassungsfähigkeit sind Fähigkeiten, die auf mehrtägigen Outdoortouren wunderbar erlernt und gestärkt werden können. Die Alternative wäre gewesen, zu Hause zu bleiben. Wir waren bereit, unsere Pläne anzupassen, suchten proaktiv nach Alternativen und entschieden, die Bedingungen im Süden bestmöglich zu nutzen.
Besteigung des Piz Kesch
Wir wollten den ersten und schönsten Tag der Woche voll ausnutzen und nahmen uns die Besteigung des Piz Kesch an einem Tag vor. Wir starteten in Davos zuhinterst im Sertigtal. Falls das Wetter die Durchquerung zuließ, wollten wir dorthin auch wieder auf Skiern zurückkehren. Schon im Vorfeld wussten wir, dass dieser erste Tag anstrengend werden würde. Die 1900 Höhenmeter bis zum Piz Kesch zogen sich ordentlich in die Länge. Lissi spürte auf Höhe des Gletschers den Höhenunterschied der Anreise von 300 m auf fast 3000 m. Unterhalb des Gipfelaufstiegs entschieden wir uns für eine ausgiebige Pause. Während wir uns stärkten, beobachteten wir die Rückkehrer vom Gipfel. Durch unsere späte Ankunft hatten wir das Glück, den Gipfelanstieg für uns allein zu haben, was nach dem langen Zustieg aus dem Tal wohlverdient war. Die meisten kamen von der Eschahütte und hatten wesentlich weniger Höhenmeter zu bewältigen. Zugegeben, hätten wir früher starten können, hätten wir diese Variante auch vorgezogen.
Abfahrt und Ankunft in der Keschhütte
Wir beide können konditionell fordernde Aufstiege bewältigen, dennoch verbinden wir solche Tagestouren meistens mit einer Hüttenübernachtung. Nachdem wir den Gipfel erreicht hatten, waren wir stolz und strahlten über das ganze Gesicht. Zu- und Abstieg zum Gipfel in dieser Bergkulisse waren traumhaft, auch wenn sie volle Konzentration verlangten. Die Erfahrung lehrte uns, dass wir in der Lage sind, auch solche grossen Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Die Abfahrt bis zur Keschhütte erweiterte unser Grinsen im Gesicht. Die Fahrt über den zugeschneiten Gletscher war Genuss pur. Der letzte Gegenanstieg zur Hütte in der warmen Frühjahrssonne forderte uns nochmals heraus. Durstig betraten wir die Hütte und freuten uns über mehrere Liter Flüssigkeit. Die Anstrengung machte sich bei Lissi jetzt richtig bemerkbar, und sie litt unter Schüttelfrost und Erschöpfungssymptomen. Während ich eine grosse Portion Hüttenessen verspeiste, musste sich Lissi zwingen, einen Happen zu essen, und der Abend endete anders als gewünscht.
Übergang zur Grialetschhütte
Am nächsten Morgen war vom Sonnenschein kaum noch etwas übrig, wenige blaue Flecken liessen sich noch zwischen den vielen Wolken blicken. Doch Lissi fühlte sich wieder erholt, und das war für den Moment das Wichtigste. Wir entschieden uns für den Übergang zur Grialetschhütte und liessen die Möglichkeit der Überschreitung des Piz Grialetsch zunächst offen. Doch schon auf dem Weg Richtung Scalettapass verschlechterte sich die Sicht, und der Gipfel hing in tiefen Wolken. Wieder änderten wir unseren Plan und fuhren über den Pass Richtung Dürrboden ab. Diese Entscheidung war weise, denn wir sahen kaum noch 10 Meter weit und fanden den Weg nur dank GPS. Unten im Talboden angekommen, stiegen wir mit etwas besserer Sicht Richtung Grialetschhütte auf. Da wir früh losgegangen waren und auf die Überschreitung verzichtet hatten, erreichten wir die Hütte sehr früh.
Erholung und neue Pläne
Wir genossen die Nebelstimmung in der Hütte und freuten uns über unser Zweibettzimmer. Auf den Hütten erfreue ich mich jedes Mal an den vielen neuen Inspirationen in den Bergmagazinen, und finde dort, frei von Ablenkung, Zeit zum Lesen. Die Momente der Ruhe und Reflexion halfen uns, die Erlebnisse des Tages zu verarbeiten. Die Wetterprognosen der nächsten Tage waren bescheiden, doch der nächste Tag liess eine Gipfelbesteigung zu. So fanden wir uns auf dem Piz Sarsura wieder. Die Stimmung mit den Wolken und dem Licht war fantastisch, und der Schneefall von letzter Nacht bescherte eine wunderbare Pulverabfahrt. Deshalb zogen wir einen wiederholten Gegenanstieg in Betracht und nahmen den Hang ein weiteres Mal mit, auch wenn die Sicht bei der zweiten Abfahrt eher bescheiden war. Ein weiterer Gegenanstieg führte uns zurück zur Grialetschhütte, wo wir eine zweite Nacht verbrachten. Das Gebiet um diese Hütte lässt mehrere Tourentage zu.
Durch Nebel navigierend zu Kaffee und Kuchen
Doch das Wetter am kommenden Morgen war geprägt von dichtem Nebel und leichtem Schneefall. Wir entschieden uns für die Abfahrt zum Dürrboden und hofften noch auf die Möglichkeit des Übergangs über die Tällifurgga. Lichtblicke auf dem Weg beeinflussten unsere Entscheidung, den Übergang ins Sertigtal zu versuchen. Je höher wir stiegen, desto mehr verdichtete sich die Sicht und wir waren froh einen Bergführer mit seiner Gruppe anzutreffen. Denn neben ihnen als Orientierungshilfe, folgten wir über den restlichen Aufstieg einer GPS Spur. Genau so sah auch die Abfahrt ins Sertigtal aus. Wir fuhren Zick Zack im Nebelgetümmel und im Schneckentempo. Doch auch so kamen wir ins Tal oder gerade deshalb. Die Tage endeten im Restaurant Bergführer bei wohlverdientem Kaffee und Kuchen.



























