Radweg Sterzing - Torbole
Auf dem Fahrradweg von Sterzing an den Gardasee: 200 Kilometer Abenteuer an einem Tag
Schon länger hatte ich diesen Gedanken im Kopf: Einmal von meinem Heimatort Sterzing bis an den Gardasee radeln – und das an einem Tag. Anfangs war es nur eine verrückte Idee, die ich am liebsten mit einer Freundin umsetzen wollte. Doch wie das Leben manchmal spielt, kam es anders. Diesen Sommer entschieden mein Partner und ich uns für den Kauf von Rennrädern – ein spontaner Schritt, der neue Abenteuer versprach.
In unserer Ferienwoche, zwischen dem Bedürfnis nach Freiheit und der Lust nach Abenteuer, fiel der Entschluss: Wir fahren. 200 Kilometer vom Haus meiner Eltern in Gasteig bei Sterzing bis nach Torbole am Gardasee. Keine lange Planung, kein grosses Überlegen – nur wir zwei, unsere Räder und ein klares Ziel vor Augen.
Der Start im Morgengrauen
Der Morgen in Gasteig war kühl, die Luft klar und frisch. Der Tag versprach bestes Wetter. Während die ersten Sonnenstrahlen die Gipfel der Alpen in goldenes Licht tauchten, rollten wir auf dem Radweg nach Sterzing. Im Gepäck nichts weiter als unsere Badesachen, frische Unterhosen, Zahnbürsten und ein paar Riegel.
Vor uns lagen 200 Kilometer Asphalt, Anstiege und Abfahrten. Die Vorfreude und Anspannung auf das, was vor uns lag, hätte nicht grösser sein können.
Boxenstopp in Bozen: Frühstück auf dem Waltherplatz
Obwohl wir südwärts rollten und von Sterzing bis nach Bozen einen Höhenverlust von 400 Metern verzeichnen konnten, waren die ersten 80 Kilometer bereits eine Herausforderung. Bis nach Brixen war der Radweg ein ständiges Auf und Ab. Erst danach wurden die Passagen flacher. Dennoch waren wir durchgehend am Treten. Zu zweit auf einer solchen Tour unterwegs zu sein, hat den Vorteil: Einer kann im Windschatten des anderen fahren. Manchmal schlossen wir uns auch hinter anderen Radfahrern an oder zogen sie eine Zeit lang mit. Die Begegnungen mit Gleichgesinnten, die ähnliche Ziele hatten, waren eine wunderbare Abwechslung auf diesem Abenteuer.
Gegen 8:30 Uhr erreichten wir Bozen, eines unserer grossen Etappenziele – zeitlich ideal für ein Frühstück. Die Beine spürten das erste Mal die Belastung und die kühle Morgenluft war mittlerweile einer angenehmen Wärme gewichen. Auf dem Waltherplatz gönnten wir uns Cappuccino und frische Brioche. Ebenso wichtig: Wir füllten unseren Wasserhaushalt mit Sodawasser und Zitrone auf.
Dieser Boxenstopp war unser erster Meilenstein. Mit Blick auf die Karte und die Weite der Etschtalebene, die nun vor uns lag, wussten wir, dass Trient unser nächstes grosses Ziel werden wird.
Die Strecke entlang der Etsch war wunderschön. Kilometerlange Geraden führten uns vorbei an Wein- und Apfelplantagen. Glücklicherweise waren wir früh gestartet, denn die Sonne brannte immer stärker vom Himmel. Doch dank des Fahrtwinds blieben die Temperaturen angenehm.
Nach etwa 150 Kilometern erreichten wir Trient. Die Anstrengung war inzwischen deutlich spürbar, und der Halt an einer kleinen Bar direkt am Radweg war ein Geschenk. Dort gönnten wir uns mehrere Lemonsodas – spritzig, eiskalt und genau das, was wir brauchten. Sie gaben uns den nötigen Energieschub für die letzten Kilometer und waren eine willkommene Abwechslung zum Wasser aus unseren Trinkflaschen.
Vor uns lag das Finale unserer Tour. Mit neuer Motivation stiegen wir wieder auf die Räder. Der Gardasee schien zum Greifen nah.
Das Ziel vor Augen: Der Gardasee
Doch die letzten Kilometer hatten es in sich. Nach Rovereto machten sich die Strapazen bemerkbar. Ein kleiner Dorfbrunnen wurde zur willkommenen Abkühlung – für die müden Beine und den heissen Kopf. Die Strecke über Mori bis nach Torbole zog sich zäh in die Länge, und die Hitze machte uns zu schaffen.
Dann, endlich, der erlösende Moment: Nach einer Kurve öffnete sich die Landschaft, und wir erblickten den Gardasee. Das Wasser funkelte in der Sonne, und die Aussicht war überwältigend. Wie viele Autofahrer hielten wir auf der Kanzel in Nago, um den Moment zu geniessen. Der Gedanke, bald ins Wasser springen zu können, trieb uns an.
Doch unsere Euphorie führte uns in die falsche Richtung: Statt direkt nach Torbole hinabzufahren, nahmen wir die Abfahrt nach Arco. Dieser kleine Umweg kostete uns zusätzliche Kilometer. Zunächst waren wir frustriert über die Zusatzschleife, doch als wir in Riva an den See rollten, war alles vergessen.
Der Sprung ins Wasser: Der perfekte Abschluss
Der Sprung in den See war die perfekte Belohnung. Die Anstrengung, der Schweiss, die letzten zähen Kilometer– all das war vergessen. Um uns herum genossen tausende Menschen das Leben am Seeufer oder auf Surfbrettern, und wir waren mittendrin, voller Dankbarkeit für dieses Abenteuer. Dieser eine Tag fühlte sich an wie eine ganze Woche voller Erlebnisse. In Riva und Torbole liessen wir uns treiben. Wir fanden uns in einer Cocktailbar zu Sonnenuntergang wieder und im Hotel checkten wir mit unseren Rädern und Leichtgepäck ein. Die Magie des Gardameers überzeugte uns, unseren Aufenthalt zu verlängern. So stiegen wir drei Tage später in Rovereto in den Zug zurück nach Sterzing. Mein Inbegriff von Freiheit und eine Erinnerung fürs Leben.
